Vor 25 Jahren, am 11. September 2001, wurden die Twin Towers des World Trade Centers in New York von entführten Flugzeugen getroffen und stürzten ein. Dabei kamen fast 3.000 Menschen ums Leben. Die Grausamkeit und Unempfindlichkeit gegenüber menschlichem Leid ist unbegreiflich. Der sogenannte Krieg gegen den Terror, den unmittelbar darauf George W. Bush ausgerufen hatte, kostete noch um ein Vielfaches mehr an Menschenleben. Niemand der am 11. September Getöteten ist daraufhin wieder auferstanden. Kein Leid wurde dadurch gelindert. Im Gegenteil. Der Kreislauf der Unmenschlichkeit und des Hasses, den die Terroristen an diesem Tag fortsetzten, entstand schon vor vielen Jahren.
Die Logik der Rache.
9/11 im Irak, 9/11 in Afghanistan, 9/11 im Jemen, 9/11 im Iran. Überall die gleiche Härte, die gleiche Ignoranz gegenüber menschlichem Leid, die gleiche Freude am Töten, die gleiche Taubheit gegenüber Vernunft und Versöhnung. 9/11 ist längst zu einem Synonym für Unversöhnlichkeit und Hass geworden, die auf der ganzen Welt anzutreffen sind. Terroristen sitzen nicht mehr nur im Hindukusch oder werden von den Mullahs im Iran versteckt, sondern sie machen es sich längst im Weißen Haus, in der Knesset und im Kreml bequem. Um nur die größten Nester zu nennen.
10/7 - Im Rausch des Tötens
Am 7. Oktober 2023 überfiel die Hamas aus dem Gazastreifen heraus Israel. 1.200 Menschen wurden im wahrsten Sinne des Wortes abgeschlachtet und 240 als Geiseln genommen. Kinder, ja Babys, Frauen, Männer. Und wieder die gleiche Rachsucht. Der verzweifelt nach Ablenkung für seine Fehlleistungen suchende Regierungschef Israels nahm die Herausforderung dankbar an und ließ den Gazastreifen in Schutt und Asche legen. 70 - 100.000 Tote bisher. Und der Ruf nach Rache bleibt laut und vernehmlich erhalten. Von einer Generation zur nächsten, und zur nächsten, und zur nächsten...
Nakba, die Katastrophe
Dieses Wort verwenden die Palästinenser für ihre 1948 stattgefundene Vertreibung aus ihrer Heimat anlässlich der Gründung des Staates Israel. Wie sind die jüdischen Flüchtlinge und Holocaustüberlebenden eigentlich vorgegangen, um sich ihren Staat zu sichern? Wir lesen und hören viel von überlebenden Jüdinnen und Juden, die das, was ihnen angetan wurde verkraftet haben und anständige, friedliebende Menschen geblieben sind. Also Vorbilder, zu denen man aufschauen kann. Die anderen, die den Hass, die Wut, die Traumata mitbrachten werden nie vor den Vorhang gebeten.
Susan Abulhawa, 1970 als Kind palästinensischer Flüchtlinge geboren, wuchs in Kuwait, Jordanien und Jerusalem auf. Als Teenager ging sie in die USA, studierte Biomedizin und lebt heute in Pennsylvania. Sie engagiert sich für Menschenrechte und die Verbesserung der Lebensumstände von palästinensischen Kindern in den besetzten Gebieten. 2001 gründete sie die nicht staatliche Kinderorganisation
"Playgrounds for Palestine". Sie schrieb das Buch "Während die Welt schlief". In einer verzauberten Kindheit im Dorf Ein Hod, ihrem Heimatdorf in Palästina lernte die Protagonistin von ihrem Vater Poesie in der Morgendämmerung kennen. In den Stunden, während die Welt noch schlief, las er ihr Geschichten und Lyrik von Abu-Hayyan, Khalil Gibran, al-Maarri und Rumi vor. Geborgenheit, Friede und die Liebe der Familie. Das war Palästina, wie sie es kannte. Der Roman schildert in weiterer Folge die Geschichte Palästinas aus ihrer Sicht. Die Charaktere sind erfunden, Palästina nicht. Zunächst die Katastrophe der Vertreibung. Eine Szene daraus:
"Am Brunnen schlugen Soldaten mit Stöcken um sich und trieben die verschreckte Menge den Hügel hinunter. Ein Karren wankte unter der Last der von mehreren Familien zusammengetragenen Habseligkeiten und wirbelte Staub auf. Eine alte Frau fiel hin, und jemand hob sie auf. "Geht! Geht" rief der Lautsprecher. Entsetzen stob aus den Herzen der Menschen und kreiste über ihnen wie Vögel."
Die Kette des Hasses
Weiters berichtet sie von Massakern, von Bomben auf wehrlose Dörfer, von Folter und Hunger. Das Massaker von Sabra und Shatila und das, was auf dem Fuß folgte, ist hier stellvertretend erwähnt.
1982: "Die Männer der PLO zogen aus dem Libanon ab nach Jordanien und ließen ihre Frauen und Kinder zurück. Die USA garantierte deren Sicherheit. Ungeachtet dessen ließ man es zu, dass Phalange-Milizen das Lager, in dem sich nur noch Frauen, Kinder und Alte befanden, überfielen. Alle wurden umgebracht. Israelische Soldaten hatten vorher das Lager umstellt und beobachteten das Massaker."
1983: "Ein mit Sprengstoff beladener Laster fuhr in die amerikanische Botschaft. Dreiundsechzig Menschen starben, viele wurden verletzt."
Der Beginn
Drei Jahre davor ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Millionen Gefallene, Verschüttete, Verhungerte, Ermordete. Darunter 6 Millionen Jüdinnen und Juden. Das Ende einer Tragödie, gleichzeitig der Beginn einer neuen, die bis heute noch nicht ihr Ende gefunden hat.
Den Kreislauf durchbrechen.
Viktor Frankl, der einen Teil seiner Familie im Holocaust verlor, schrieb den Satz "Die Welt ist nicht heil, aber sie ist heilbar." Er ist einer von denen, die beispielgebend sind. Fast seine ganze Familie verlor er im Holocaust. Und dort, im Lager, in den dunkelsten Stunden seines Lebens, sterbenskrank und den Tod vor Augen, schrieb er das Manuskript seines späteren Buches "Trotzdem ja zum Leben sagen". Der Mann war von einer gigantischen Stärke. Warum haben Menschen wie er so wenig Einfluss?? Oder Margot Friedländer, die in hohem Alter in die Schulen ging und Zeugnis ablegte über das, was passiert ist. Auch sie war in einem KZ, auch sie hat ihre Mutter und ihren Bruder verloren. Es sind noch viele mehr, die aufrecht und in Würde durch die Hölle gingen. Die Frage, die sich mir stellt ist: warum haben sie so wenig Einfluss? Wer die Ereignisse an sich vorüberziehen lässt, könnte verzweifeln. Halten wir uns also an Nelson Mandela, der in seinem Buch "Der lange Weg zur Freiheit" den Satz schrieb: "Die dunkelste Stunde liegt vor Tagesanbruch."
