28 Oktober 2026

Die dunkelste Stunde liegt vor Sonnenaufgang


Vor 25 Jahren, am 11. September 2001, wurden die Twin Towers des World Trade Centers in New York von entführten Flugzeugen getroffen und stürzten ein. Dabei kamen fast 3.000 Menschen ums Leben. Die Grausamkeit und Unempfindlichkeit gegenüber menschlichem Leid ist unbegreiflich. Der sogenannte Krieg gegen den Terror, den unmittelbar darauf George W. Bush ausgerufen hatte, kostete noch um ein Vielfaches mehr an Menschenleben. Niemand der am 11. September Getöteten ist daraufhin wieder auferstanden. Kein Leid wurde dadurch gelindert. Im Gegenteil. Der Kreislauf der Unmenschlichkeit und des Hasses, den die Terroristen an diesem Tag fortsetzten, entstand schon vor vielen Jahren.

Die Logik der Rache.
9/11 im Irak, 9/11 in Afghanistan, 9/11 im Jemen, 9/11 im Iran. Überall die gleiche Härte, die gleiche Ignoranz gegenüber menschlichem Leid, die gleiche Freude am Töten, die gleiche Taubheit gegenüber Vernunft und Versöhnung. 9/11 ist längst zu einem Synonym für Unversöhnlichkeit und Hass geworden, die auf der ganzen Welt anzutreffen sind. Terroristen sitzen nicht mehr nur im Hindukusch oder werden von den Mullahs im Iran versteckt, sondern sie machen es sich längst im Weißen Haus, in der Knesset und im Kreml bequem. Um nur die größten Nester zu nennen.

10/7 - Im Rausch des Tötens
Am 7. Oktober 2023 überfiel die Hamas aus dem Gazastreifen heraus Israel. 1.200 Menschen wurden im wahrsten Sinne des Wortes abgeschlachtet und 240 als Geiseln genommen. Kinder, ja Babys, Frauen, Männer. Und wieder die gleiche Rachsucht. Der verzweifelt nach Ablenkung für seine Fehlleistungen suchende Regierungschef Israels nahm die Herausforderung dankbar an und ließ den Gazastreifen in Schutt und Asche legen. 70 - 100.000 Tote bisher. Und der Ruf nach Rache bleibt laut und vernehmlich erhalten. Von einer Generation zur nächsten, und zur nächsten, und zur nächsten...

Nakba, die Katastrophe
Dieses Wort verwenden die Palästinenser für ihre 1948 stattgefundene Vertreibung aus ihrer Heimat anlässlich der Gründung des Staates Israel. Wie sind die jüdischen Flüchtlinge und Holocaustüberlebenden eigentlich vorgegangen, um sich ihren Staat zu sichern? Wir lesen und hören viel von überlebenden Jüdinnen und Juden, die das, was ihnen angetan wurde verkraftet haben und anständige, friedliebende Menschen geblieben sind. Also Vorbilder, zu denen man aufschauen kann. Die anderen, die den Hass, die Wut, die Traumata mitbrachten werden nie vor den Vorhang gebeten.
Susan Abulhawa, 1970 als Kind palästinensischer Flüchtlinge geboren, wuchs in Kuwait, Jordanien und Jerusalem auf. Als Teenager ging sie in die USA, studierte Biomedizin und lebt heute in Pennsylvania. Sie engagiert sich für Menschenrechte und die Verbesserung der Lebensumstände von palästinensischen Kindern in den besetzten Gebieten. 2001 gründete sie die nicht staatliche Kinderorganisation
"Playgrounds for Palestine". Sie schrieb das Buch "Während die Welt schlief". In einer verzauberten Kindheit im Dorf Ein Hod, ihrem Heimatdorf in Palästina lernte die Protagonistin von ihrem Vater Poesie in der Morgendämmerung kennen. In den Stunden, während die Welt noch schlief, las er ihr Geschichten und Lyrik von Abu-Hayyan, Khalil Gibran, al-Maarri und Rumi vor. Geborgenheit, Friede und die Liebe der Familie. Das war Palästina, wie sie es kannte. Der Roman schildert in weiterer Folge die Geschichte Palästinas aus ihrer Sicht. Die Charaktere sind erfunden, Palästina nicht. Zunächst die Katastrophe der Vertreibung. Eine Szene daraus:
"Am Brunnen schlugen Soldaten mit Stöcken um sich und trieben die verschreckte Menge den Hügel hinunter. Ein Karren wankte unter der Last der von mehreren Familien zusammengetragenen Habseligkeiten und wirbelte Staub auf. Eine alte Frau fiel hin, und jemand hob sie auf. "Geht! Geht" rief der Lautsprecher. Entsetzen stob aus den Herzen der Menschen und kreiste über ihnen wie Vögel."

Die Kette des Hasses
Weiters berichtet sie von Massakern, von Bomben auf wehrlose Dörfer, von Folter und Hunger. Das Massaker von Sabra und Shatila und das, was auf dem Fuß folgte, ist hier stellvertretend erwähnt.
1982: "Die Männer der PLO zogen aus dem Libanon ab nach Jordanien und ließen ihre Frauen und Kinder zurück. Die USA garantierte deren Sicherheit. Ungeachtet dessen ließ man es zu, dass Phalange-Milizen das Lager, in dem sich nur noch Frauen, Kinder und Alte befanden, überfielen. Alle wurden umgebracht. Israelische Soldaten hatten vorher das Lager umstellt und beobachteten das Massaker."
1983: "Ein mit Sprengstoff beladener Laster fuhr in die amerikanische Botschaft. Dreiundsechzig Menschen starben, viele wurden verletzt."

Der Beginn
Drei Jahre davor ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Millionen Gefallene, Verschüttete, Verhungerte, Ermordete. Darunter 6 Millionen Jüdinnen und Juden. Das Ende einer Tragödie, gleichzeitig der Beginn einer neuen, die bis heute noch nicht ihr Ende gefunden hat.

Den Kreislauf durchbrechen.
Viktor Frankl, der einen Teil seiner Familie im Holocaust verlor, schrieb den Satz "Die Welt ist nicht heil, aber sie ist heilbar." Er ist einer von denen, die beispielgebend sind. Fast seine ganze Familie verlor er im Holocaust. Und dort, im Lager, in den dunkelsten Stunden seines Lebens, sterbenskrank und den Tod vor Augen, schrieb er das Manuskript seines späteren Buches "Trotzdem ja zum Leben sagen". Der Mann war von einer gigantischen Stärke. Warum haben Menschen wie er so wenig Einfluss?? Oder Margot Friedländer, die in hohem Alter in die Schulen ging und Zeugnis ablegte über das, was passiert ist. Auch sie war in einem KZ, auch sie hat ihre Mutter und ihren Bruder verloren. Es sind noch viele mehr, die aufrecht und in Würde durch die Hölle gingen. Die Frage, die sich mir stellt ist: warum haben sie so wenig Einfluss? Wer die Ereignisse an sich vorüberziehen lässt, könnte verzweifeln. Halten wir uns also an Nelson Mandela, der in seinem Buch "Der lange Weg zur Freiheit" den Satz schrieb: "Die dunkelste Stunde liegt vor Tagesanbruch."

30 September 2026

Truth and Reconciliation Day in Kanada

 

Am 30. September wird in Kanada der „Truth and Reconciliation Day” (Tag der Wahrheit und Versöhnung) gefeiert. Das heißt, streng genommen gibt es an diesem Tag nichts zu feiern. Eher ist es ein Gedenktag an jene indianischen Kinder, denen ihre Kindheit, ihre Entwicklungspotentiale und alle ihre Möglichkeiten genommen wurden, Glück zu empfinden. Sie erfuhren nie die Geborgenheit eines Elternheims, die Liebe von Mutter, Vater und Verwandten. Sie durften nie mit ihresgleichen ausgelassen sein. Sie hatten keine Chance auf ein späteres harmonisches Leben, denn das, was ihnen angetan wurde, konnten sie kaum jemals verarbeiten.

Es gab in Kanada bis 1996 (!) das Bestreben, indianische Kultur und Identität nachhaltig zu vernichten. Deshalb wurden die Kinder der Indianer noch in ganz jungen Jahren ihren Eltern entrissen und in die christlich-katholischen sogenannten „Residential Schools“ gesteckt mit dem einzigen Ziel, ihre Erinnerungen an eine andere – ihre – Welt vollends auszulöschen. Dazu war jedes Mittel recht. Folter, Hunger und Missbrauch. Tausende überlebten diese Zeit nicht. Bis heute werden noch ihre verscharrten Leichen gefunden. Frauen wurden, wenn sie eine Abtreibung vornehmen wollten, gleich ihr gesamtes reproduktives System entfernt. Bis noch vor Jahren kam noch die Entfernung der Eierstöcke und Gebärmutter auf Anraten der Ärzte bei indigenen Frauen vor, oft kurz nach einer Geburt (Radiokolleg vom 18.1.2023). Um christliche Terminologie zu gebrauchen: Gott allein weiß, wie Menschen auf solche kranken Ideen kommen konnten und können.

Diese Verhaltensweise des kanadischen Staates kann man wohl Völkermord nennen.

Es ist eines der dunkelsten Kapitel Kanadas, den dieses Land aufzuarbeiten hat. Aber sie tun es wenigstens. Dass sie es ernst meinen, dokumentiert der Einsatz der Truth and Reconciliation Commission. Ich bin nicht sicher, ob auch die US-Amerikanischen Nachbarn in dieser Hinsicht aktiv sind. Vor allem mit der derzeitigen Regierung ist das Einsehen, dass auch die dortige Zivilisation auf einen Völkermord begründet ist, eher unwahrscheinlich.

Ein österreichischer Verein, der sich schon lange mit der Verbesserung der Rechtslage der Indianer Nordamerikas beschäftigt, ist der „Arbeitskreis Indianer Nordamerikas“ Obmann ist Peter Schwarzbauer, emeritierter Professor an der BOKU.

Neben der Verbesserung der Rechtslage arbeitet der Verein für die Anerkennung ihres Selbstbestimmungsrechts, betreibt internationales Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit und ist mit Menschenrechtsorganisationen in Europa vernetzt. Es lohnt sich, in seine Home Page reinzuschauen.

Bevor sich nun alle entrüsten über die Begebnisse, die hier beschrieben wurden: Die Nordamerikaner stehen mit ihrer Schuld nicht alleine da. Europa hat auch genug am Kerbholz. Völkermorde der Kolonialmächte in Afrika, Völkermord der Deutschen und Österreicher in Europa und vor allem: es ist noch nicht zu Ende. Antisemitismus und Rassismus haben bei uns in Europa nach wie vor Hochsaison. Und auch in Gaza ist man gerade sehr erfolgreich dabei, Hass und Mord weiterhin nicht aussterben zu lassen.  

Aber trotz allem ist es unsere Aufgabe, die Hoffnung nicht aufzugeben und uns für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen. Nehmen wir uns an Kanada ein Beispiel.

Denn: Wir sind nicht zufällig auf dieser Welt, und der Horizont unserer Geschichte ist das Glück aller. (Jean Ziegler).

27 September 2026

Ein Kalbsschnitzerl bitte

 

Wenn sie geboren werden, erblicken sie nicht das Licht der Welt.
Kein duftendes Gras, keine Blumen, keinen kühlenden Wind in der Sonne unter einem blauen Himmel.
Kein übermütiges Spiel im Bewusstsein von Sicherheit und Frieden.
Nur Eisenverschläge rundum, Gestank, Einsamkeit und Dunkelheit.
Angst kommt dazu, sobald sie in die Viehwagen gepresst werden.
Ohne Wasser, ohne Platz zum Ruhen, dicht gedrängt, um die Fahrt rentabel zu halten geht es zur Schlachtbank.
Manche sterben während der Fahrt. Eine Gnade.
Bei der Ankunft am Schlachthof ist bereits das Todesgebrüll der Verendenden zu hören.
Sie wissen nicht, warum ihnen das alles angetan wird.
Panische Angst. Verlassenheit, Verzweiflung, Tod.
Ihr kurzes Leben ist ein einziges, langes, qualvolles Sterben.

„Das Kalbsschnitzerl und ein Bier bitte“, sagt der Gast. „Sehr gerne“, antwortet höflich der Kellner. Die Tischtücher sind blitzsauber und blütenweiß. Die Strahlen der Sonne, die beim Fenster hereinscheint, brechen sich im spiegelblanken Besteck. Zufrieden sieht der Gast hinaus, während er einen kräftigen Schluck vom inzwischen servierten Bier nimmt. Er isst gerne hier. Die Portionen sind riesig und trotzdem spottbillig.

11 September 2026

75 Jahre Genfer Flüchtlingskonvention

75 Jahre ist es her, als die Staaten beschlossen, den Kreislauf aus Gewalt und Hass zu durchbrechen. Die Genfer Flüchtlingskonvention ist also um ein Jahr älter als ich, fast ein ganzes Menschenleben.

Meine kleine Welt

Ich hatte weder den Krieg erlebt noch eine Zeit ohne Flüchtlingskonvention. Beides, sowohl Friede und Sicherheit als auch das Vorhandensein von Flüchtlingen war für mich selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich war es, Flüchtlingen zu helfen, Respekt vor ihnen zu haben und sie als unseresgleichen zu sehen. Denn sie legten Zeugnis davon ab, dass Friede und Sicherheit auf meine kleine Welt beschränkt waren und sind. Klarerweise dachte ich als Kind nicht weiter darüber nach. Erst viel später – als meine Frau und ich Pflegeeltern eines afghanischen Jungen und Pateneltern eines iranischen Mädchens geworden waren, wurde mir die ganze Tragweite der Situation bewusst. Damals, als Kind, war es der Kommunismus, der bekämpft wurde und Flüchtlinge kamen aus Ungarn, aus der Tschechoslowakei und aus der DDR. Heute ist das anders. Heute sind wir es, die in Frieden und Wohlstand Lebenden, die mit ihrer Lebensweise in anderen Teilen der Welt Leid schaffen. Man nennt es „imperiale Lebensweise“. Hier einige Beispiele, was damit gemeint ist:

Unsere imperiale Lebensweise

Rohstoffe wie Aluminium, Seltene Erden, Lithium, Nickel, Kobalt, Wolfram und vieles mehr wird importiert. Woher und unter welchen Bedingungen diese Materialien gewonnen werden, interessiert uns wenig. Bei uns wollen wir jedenfalls solche schmutzigen Bergwerke nicht haben.

Wir lassen zu, dass Ölkonzerne in der südlichen Hemisphäre ganze Landstriche und Ozeane verseuchen oder Bauern von ihrem Land vertreiben.

Kriege aus Energiehunger? Oder Kriege, die mit dem aus fossilen Brennstoffen gewonnenem Reichtum finanziert werden? Interessiert uns nicht. Hauptsache, wir haben billige Energie.

Die Ozeane werden leergefischt zu Lasten der ansässigen Fischer, die übrigens auch zu denen gehören, die am meisten von der Klimakrise geschädigt sind und vielfach dabei sind, ihre Heimat zu verlieren. Hauptsache, Heilbutt und Seeteufel munden uns und sind noch dazu preiswert.

Es gibt noch eine Unzahl weiterer Beispiele wie Textilerzeugung, Abfallbeseitigung, Ernährung usw, aber würde ich da weiter aufzählen, hätte dieser Beitrag eine unziemliche Länge.

Wie Außen, so Innen

Unser Madendasein im Speck hat allerdings eine unangenehme Begleiterscheinung. Nämlich Flüchtlinge. Menschen, die aus Hunger, Krankheit und Hoffnungslosigkeit zu uns fliehen, nennen wir Wirtschaftsflüchtlinge. Menschen, die vor Krieg, Folter und Tod fliehen, lassen wir auf See ertrinken, oder prügeln sie von unseren Außengrenzen weg. Wir verraten unsere europäischen Werte, um die Auswirkungen unseres eigenen Lebensstils nicht sehen zu müssen.

Wir sind damit nicht glücklich. Frust, Neid, Unzufriedenheit machen sich breit. Wir sind nicht zufrieden mit dem, was wir erwirtschaftet haben. Gewaltbereitschaft nimmt zu. Viele fühlen sich zu rassistischen, rechtsextremen Gruppen hingezogen die grauenhaft klingende Lösungen versprechen. Lösungen, die den Kreislauf der Gewalt und des Hasses von vor 80 Jahren wieder aufleben lassen. Lösungen, für die wir immer offener werden.

Warum ist das so? Wir gehören zu dem kleinen Prozentsatz der Privilegierten auf diesem Planeten. Kann es sein, dass die Härte, die Gefühllosigkeit und die Grausamkeit, die wir anderen zufügen in unsere eigenen Köpfe und Herzen überschwappen? Kann es sein, dass wir so werden, wie wir denken?

Hass ist immer zuerst in mir. Bevor ich anderen damit schaden kann, schade ich mir selbst. Er vergiftet mein Leben, macht mich krank und unglücklich.

Wir sollten aus diesem Teufelskreis ausbrechen. Wir sollten uns klarmachen, dass es in diesen Zeiten viel gibt, das wir verteidigen müssen. Unsere Lieben, unsere Würde, unsere Demokratien, unseren Wohlstand. Letzteren müssen wir auf neue Beine stellen, indem wir Hass durch Güte, Neid durch Großzügigkeit und Vollkaskomentalität durch Wehrhaftigkeit ersetzen.

Das geht aber nicht, wenn wir all das permanent über Bord werfen. Wie im Außen, so im Innen. Gesellschaften, die lange genug die „Anderen“ unerbittlich verfolgt und ausgegrenzt haben, finden eines Tages nichts mehr dabei, auch gegen die eigenen Mitbürgerinnen und Mitbürger mit gleicher Brutalität vorzugehen. Gegen die Arbeitslosen, gegen die Mindestsicherungsbezieher:innen, gegen die Juden und Jüdinnen, gegen, gegen, gegen. Sogenannte „Andere“ finden sich immer. Das ist kläglich und unwürdig.

Da es meist Nationalisten und sogenannte Patrioten sind, die sich so verhalten, seien ihnen die Worte von Bernie Sanders, des US-amerikanischen Politikers aus dem linken Spektrum ins Stammbuch geschrieben:

„Eine große Nation wird nicht danach beurteilt, wie viele Millionäre und Milliardäre sie hat oder wie hoch ihre Militärausgaben sind. Sie wird nicht nach der Habgier ihrer Großkonzerne beurteilt. Sie wird danach beurteilt, wie sie mit ihren schwächsten und bedürftigsten Bürgern umgeht. Eine wahrhaft große Nation zeichnet sich durch Mitgefühl und Solidarität aus.“


16 August 2026

Jetzt ist er schockiert...



Totschnig sagte, er sei schockiert über das Ausmaß der Dürre (Standard, 14. August). Tatsächlich? Wo war der eigentlich während der letzten Jahre? Als Eremit im Wald? Aber auch dort hätte er – gänzlich ohne Information von außen – die Zeichen an der Wand sehen können. Es zeugt von einer maximalen – höflich ausgedrückt – Unwissenheit, wenn man jetzt erschüttert ist. Das, was hier passiert, ist nichts anderes als das, was Wissenschaft und der verantwortungsvolle aber leider machtlose Teil der Politik seit Jahrzehnten ankündigen. Das alles ignoriert zu haben und jetzt als Verantwortlicher „erschüttert“ zu sein, ist eine Chuzpe, die ihresgleichen sucht. Klar, Totschnig war nicht immer Landwirtschafts- und Umweltminister. Aber er gehört jener konservativen Politikrichtung an, die seit jeher europa- und weltweit Klimaschutz verhinderte, verzögerte und verwässerte.

Hier eine kleine Auswahl von Hunderten, wo über die Klimakrise und ihre Auswirkungen berichtet wurde:

Dezember 2009: Die Erderwärmung ist stärker als erwartet. Wenige Tage vor der Weltklimakonferenz in Bonn schlagen UNO-Organisationen Alarm. Selbst bei Einhaltung aller bisher von den Ländern vorgelegten Klimaschutzzusagen wird sich die Erdtemperatur laut dem UNO-Umweltprogramm (UNEP) um mindestens drei Grad im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung erhöhen. Das Zwei-Grad-Ziel gilt als äußerste Grenze, um katastrophale Klimafolgen abzuwenden.

August 2017: Wissenschaftler und Experten aus 13 Bundesbehörden der USA erstellten einen 545 Seiten starken Bericht mit einem eindeutigen und alarmierenden Befund: "Die Amerikaner spüren die Effekte des Klimawandels schon jetzt", schreiben die Autoren. Die Durchschnittstemperaturen in Nordamerika seien drastisch gestiegen. Und für diesen Effekt seien "hauptsächlich menschliche Aktivitäten verantwortlich - besonders der Ausstoß von Treibhausgasen". 
Die Autoren verweisen darauf, dass es Tausende Studien von Zehntausenden Wissenschaftlern gibt, die den Klimawandel dokumentiert haben. Trumps Argument, es gebe keine gesicherten Kenntnisse über die menschlichen Einflüsse auf den Klimawandel, widersprechen sie direkt. Es gebe zahlreiche Beweisketten, die demonstrierten, dass menschliche Aktivitäten für den Klimawandel ausschlaggebend seien. Das gelte insbesondere für die Emissionen von Treibhausgasen.
So seien für die Hitzewellen in Europa 2003 die Belege ziemlich eindeutig.

August 2017: Dass Zeitfenster für das Pariser Klimaziel schließt sich schnell. Es wäre sinnvoll, auch die Extremfälle aktueller Prognosen in Betracht zu ziehen. Was alles zu erwarten sein könnte.
Der menschengemachte Klimawandel ist real. Die Auswirkungen spüren wir schon längst und wir werden sie in der Zukunft noch viel stärker spüren. Das berühmte "Zwei-Grad-Ziel", also die Begrenzung der globalen Erwärmung bis Ende des 21. Jahrhunderts auf höchstens zwei Grad über der Temperatur von 1850, ist nach neuen Berechnungen des Max-Planck-Instituts für Meteorologie kaum mehr zu erreichen. Am wahrscheinlichsten ist eine Erwärmung um 3,2 Grad Celsius - und selbst um das zu erreichen, werden wir uns gehörig anstrengen müssen. (Florian Freistetter, Astronom, Wissenschaftsautor. Mitglied der Science Busters)

2018: Die Wetterextreme kosten Millionen. Während in Teilen Salzburgs und Oberösterreichs die Dürre Gras und Saaten verdorren lässt, gibt es im Süden fast täglich Unwetterschäden. Ob letztlich der Kunde für den Klimawandel mit steigenden Lebensmittelpreisen bezahlt, ist offen. "Insgesamt liegt der Schaden in der Landwirtschaft im heurigen Jahr bereits bei mehr als 15 Millionen Euro", sagt Mario Winkler von der Hagelversicherung. "Gerade im nördlichen Flachgau ist der zweite Grasschnitt in der Viehwirtschaft großteils komplett ausgefallen", sagt Landwirtschaftskammerpräsident Franz Eßl (Wäre gut, er würde sich an seine Partei wenden, damit die mehr gegen den Klimawandel tut). Ändere sich das nicht, müsse man Futter zukaufen oder - weil das zu teuer kommt - den Viehbestand reduzieren (Super Idee!! Weniger Methan, weniger Kranke, mehr guter Boden für Agrarprodukte. Geht aber leider nicht, weil zu viele Fleischesser).
Seit zwei Jahren zahlen nicht nur bei Hagel, Sturm, Frost und Überflutung Bund und Länder den Bauern die Hälfte der Versicherungsprämie, sondern auch bei Dürre. Franz Sinabell, Landwirtschaftsexperte im Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo: "Was auffällt, ist, dass zuletzt in jedem Jahr zumindest ein Produktionszweig in Österreich massiv durch Wetterextreme betroffen ist."

August 2018: Nach der Dürre wird es teuer. Die Hagelversicherung hat so große Dürreschäden wie heuer in der heimischen Landwirtschaft noch nie registriert. Milch- und Getreidebauern haben die größten Einbußen. Das wird auch auf die Preise durchschlagen. An der Getreidebörse schrauben sich die Preise in die Höhe. "Die Notierungen für das Frühjahr 2019 belaufen sich derzeit auf 200 Euro pro Tonne, in Schüttjahren mit großer Ernte sind es 100 bis 130 Euro pro Tonne", erklärt Christian Jochum von der Landwirtschaftskammer Österreich.
Da sich die Dürre heuer auf dem ganzen Kontinent ausbreitet, sind auch höhere Produktpreise für die Konsumenten zu erwarten. Im europäischen Binnenmarkt fehlt es an Kompensationsware, die den Preis stabil hält.
Bisher wurden 210 Millionen Euro Schäden in der Landwirtschaft berechnet, das übertrifft den bisherigen Höchstwert aus 2013 (200 Mill. Euro). Im Norden und Westen Österreichs gibt es Regionen, in denen heuer erst weniger als 15 Prozent des Niederschlags vom Mittel der vergangenen zehn Jahre gefallen sind.

Dezember 2019: Dürren gefährden Kornkammern. Es wird künftig weltweit mehr Trockenperioden zur selben Zeit geben. Die Klimakrise führt dazu, dass Dürren und Hitzewellen weltweit häufiger auftreten. Daher sei das Risiko für gleichzeitige Missernten in mehreren "Kornkammern der Welt" viel größer als vor 50 Jahren, sagen Forscher des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in einer Studie, die im Fachjournal "Nature Climate Change" veröffentlicht wurde. Die Folgen: Grundnahrungsmittel würden massiv teurer und es drohten mehr Hungersnöte, politische Unruhen sowie Migration.

Aus dem Greenpeace-Magazin, 2020: Wenn die Dürre kommt. Allein im Jahr 2018 gab es Dürreschäden in der Höhe von 230 Millionen Euro, 2019 von mehr als 100 Millionen. Mittlerweile vergeht kaum noch ein Jahr, wo landwirtschaftliche Kulturen und das Grünland nicht unter der prallen Sonne leiden.

Martin Schäd­ler ist Bo­den­öko­lo­ge, er ko­or­di­niert das flä­chen­mä­ßig grö­ß­te Kli­ma­ex­pe­ri­ment für Land­nut­zung welt­weit: „Die­se Ex­tre­me wer­den wir in Zu­kunft deut­lich häu­fi­ger er­le­ben“. (aus einem Interview in der Zeit, 2023)

August 2023: „Wir marschieren in eine Heißzeit“. Der Klimaforscher Joachim Schellnhuber geht mit der Österreichischen und deutschen Regierung punkto Klimaschutz hart ins Gericht.
Schellnhuber ist emeritierter Physikprofessor und langjähriges Mitglied im Weltklimarat (IPCC). Anlass des Interviews war der Juli 2023, der damals heißeste Monat seit 100.000 Jahren. Schellnhuber dazu: „Es kann sogar noch extremer kommen.“

Artikel in den Salzburger Nachrichtenm, April 2023:
Groß-Enzersdorf, Rohrbach an der Lafnitz und Gars am Kamp: Nirgendwo sonst in Österreich hat es im vergangenen halben Jahr derart wenig geregnet.
Zunehmende Dürre und Klimawandel bedrohen die Ernährungssicherheit in Österreich

…viele dieser Risiken haben bereits kritische Niveaus erreicht und könnten ohne sofortige, entschlossene Maßnahmen katastrophale Ausmaße annehmen.
(Europäische Umweltagentur 2023.)

Juli 2025. Alexander Bernhuber, Mitglied der ÖVP-Delegation im EU-Parlament, stellt einen Antrag auf die massive Aufweichung der bereits im Juni 2023 beschlossenen EU-Entwaldungsverordnung.
Dazu Franz Essl, Ökologe an der Uni Wien:
„Rückwärtsgewandte Politik darf nicht weiter die Oberhand gewinnen.“

Mai 2025: „Ich glaube, dass es in wenigen Jahren zu großen Veränderungen kommen wird. Die Auswirkungen und Schäden werden noch sichtbarer werden, in Form von Wasserknappheit und Dürre, wenn Äcker weggeschwemmt werden, der Schnee ausbleibt oder lokale Überschwemmungen zu Betriebsstörungen führen. Und es wird sich die Frage stellen: Wer zahlt das? (Klimaforscher Matthias Themessl von der Geosphere Austria)


04 August 2026

Jetzt fordern sie...

Der Hilferuf der Landwirtschaft (der Standard vom 5.8.) klingt verzweifelt. Es werden Fischsterben, Ernteausfälle, Wassermangel beklagt. Dabei fällt mir ein. War es nicht die Landwirtschaft, der die Renaturierungsmaßnahmen der EU zu weit gingen? Hat nicht das Umweltministerium wunderbarerweise ein ganz anderes, viel schöneres Bild unserer Umwelt gezeichnet, als es die eigenen Fachleute in ihren Bericht ursprünglich verfertigten um sich vor Klimaschutzmaßnahmen drücken zu können?  Österreich hat während der letzten Jahrzehnte immer zu den Bremsern im Klimaschutz gehört. Jetzt fordert die Landwirtschaft Maßnahmen wie das Öffnen des Katastrophenfonds. Oder die Übernahme der Sozialversicherungsbeiträge der Bauern. Oder die Aussetzung laufender Kredite. Klar muss man in Not Geratenen helfen, wie sich das in einem Sozialstaat gehört.

Nur: Die Kosten, die jetzt entstehen, sind die, vor denen die Klimawissenschaft, viele NGOs oder die Grünen immer gewarnt haben. Die Dummheit, diese Warnungen ignoriert zu haben, macht sich jetzt bemerkbar. Und es wird schlimmer. Denn die Versäumnisse von rechtskonservativen Regierungen weltweit, aber eben auch in Österreich, machen sich jetzt bemerkbar und werden sich in Zukunft noch viel nachdrücklicher bemerkbar machen.

Den Klimaschutz deshalb aufgeben, weil eh nix mehr zu machen ist, wäre die falsche Antwort. Im Gegenteil. Man kann die Katastrophe immer noch mindern und damit Menschenleben und Existenzen retten. Die Verantwortung hat allein die Politik. Werden unsere Regierenden einst als Kriminelle bezeichnet werden, weil sie ihre Bevölkerungen im Stich ließen, weil sie sich nicht an ihre eigenen Gesetze hielten? Weil sie allein auf ihren persönlichen Vorteil bedacht waren? Werden sie dafür vor Gericht stehen? Besser wäre es allerdings, wenn sie in die Gänge kommen und ihre Aufgabe wahrnehmen würden. Nämlich endlich Klimaschutz zu betreiben. Das haben übrigens die Bauern vergessen, in ihren Forderungskatalog aufzunehmen. 

02 August 2026

Die andere Wirklichkeit


Alte Leute werden krank und viele von ihnen sterben.
Es gibt Wiesen, die zur Staubwüste wurden, sodass die Kühe in die Ställe zurückmussten, weil sie kein Futter mehr fanden.
Wassermangel lässt die ersten Gemeinden Rationierungsmaßnahmen ergreifen.
Nachrichten von Ernteausfällen häufen sich.
Flutkatastrophen rauben Menschen ihre Existenz und kosten ihnen viel zu oft auch das Leben.
Brände in Südeuropa und Nordamerika nehmen apokalyptische Ausmaße an.
Teile der Welt sind ohne Klimatisierung nicht mehr bewohnbar.
In den Ozeanen und am Land begann längst das große Sterben.
Es mutet fast banal an, hier auch noch die ungeheuren finanziellen Schäden zu erwähnen, die dadurch entstehen.
Kollateralschäden der Klimaleugnung. Betrieben von rechtskonservativer Politik, von Ölkonzernen, von Industriekapitänen, von Verrückten und Verbrechern. Besonders schmerzt das Verhalten der Konservativen, wenn sie, stolz ihre Dummheit vor sich hertragend, von den Kosten schwadronieren, die Klimaschutz für die Wirtschaft verursachen soll. Besonders in einer Demokratie wie der unseren kommt noch der Umstand hinzu, dass diese Politik frei gewählt ist. Das Versagen einer Gesellschaft, die an Vollkaskomentalität, Konsumgeilheit und fehlender Empathie krankt.
Meine Empfindung angesichts dessen: Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit. Es scheint, als gäbe es eine neue Pandemie, die durch keine Impfungen, Lockdowns und Medikamente bekämpft werden kann. Sie könnte Ignoranz, Verdrängung oder auch schlicht Dummheit heißen.

Diese Gedanken ziehen mich runter. Sie helfen auch nicht. Sie ändern nichts. Ich gehe hinaus in den Garten.


Dort empfängt mich strahlende Farbenpracht.


Ich spüre, wie der Alb langsam schwächer wird.


Der Garten spiegelt uns. Unsere Wünsche und Träume, unser Wesen.


Ab hier beginnt die andere Wirklichkeit





Das Wasser ist belebt. Ebenso wie das Land. 








Das ist eine Hornisse. Sie okkupierte Teller und Gabel, um die Reste eines Kuchens zu verspeisen. Danach ließ sie sich noch in Ruhe fotografieren, bevor sie wieder ihrer Wege flog.

In dieser Welt sind wir die stärksten und mächtigsten Lebewesen. Als solche haben wir eine Verantwortung gegenüber dem Organismus, der sich Garten nennt. Einiges hier ist unsere Schöpfung. Viele Pflanzen und alle Tiere sind zugewandert. Aufgrund unserer toleranten Einstellung und unserer Ehrfurcht vor dem Leben gaben wir ihnen eine Heimat. Sie danken es uns in vielerlei Hinsicht.

Kirschpflaume, Vogelbeere, Zürgel und Zwetschke beschenken uns und zahlreiche Vögel mit ihren Früchten und sorgen mit ihrer Größe für ein erträglicheres Klima in Zeiten der Hitze.

Bunt blühende Blumen erfreuen uns mit ihrem Dasein und geben einer mannigfaltigen Insektenzahl Nahrung. Die Wohmöglichkeit besteht in Form von Totholz, wilden Ecken und Insektenhotels.


Die Brombeeren gedeihen heuer besonders gut.

Wir hatten schon reiche Ernte. Es bleibt aber immer etwas übrig für die mit uns Lebenden. Getreu dem Ratschlag der indianischen Wissenschaftlerin und Autorin Robin Wal Kimmerer in ihrem Buch „Geflochtenes Süßgras“. Darin findet sich eine Regel der indianischen Ureinwohner Nordamerikas, die ich hier auszugsweise wiedergebe:

Die Grundregeln der Ehrenhaften Ernte:
Nimm nie das Erste. Nimm nie das Letzte.
Nimm nur, was du brauchst.
Nimm nie mehr als die Hälfte. Lass etwas für die anderen übrig.
Ernte so, dass du möglichst wenig Schaden anrichtest.
Nutze es respektvoll. Verschwende nie, was du genommen hast.
Danke für das, was dir geschenkt wurde.
Hinterlasse ein Gegengeschenk für das, was du genommen hast.
Erhalte die, die dich erhalten, und die Erde wird für immer bleiben.


Das ist es, was wir als Einzelne leisten können. Wir nutzen unsere Möglichkeiten. Wir warten nicht auf andere, die größere Gärten haben als wir. Wir sagen nicht: „Was sollen wir mit unseren 400 Quadratmetern schon ausrichten, wenn die anderen jeden Tag mehrere Hektar Land versiegeln.“

Der Garten dankt es uns, indem er unsere Seelen heilt. Er kann das. Warum das so ist? Tja..wer weiß das schon? Es ist ja nicht nur unser Garten, wenngleich wir infolge unserer Gestaltungleistung eine besondere Beziehung zu ihm haben. Es ist generell die Natur. Vielleicht, weil wir mit ihr verbunden sind. Und weil daher alles, was wir tun, auf uns rückwirkt.



Demnächst werde ich wieder die Wirklichkeit der Zeitungen, der Social Media, des Konsums, der Fake News betreten. Ich nehme so viel ich kann mit von der Seelennahrung, die unsere Mitwelt für uns bereitstellt.



Die dunkelste Stunde liegt vor Sonnenaufgang

Vor 25 Jahren, am 11. September 2001, wurden die Twin Towers des World Trade Centers in New York von entführten Flugzeugen getroffen und stü...