Am 30. September wird in Kanada der „Truth and Reconciliation Day” (Tag der Wahrheit und Versöhnung) gefeiert. Das heißt, streng genommen gibt es an diesem Tag nichts zu feiern. Eher ist es ein Gedenktag an jene indianischen Kinder, denen ihre Kindheit, ihre Entwicklungspotentiale und alle ihre Möglichkeiten genommen wurden, Glück zu empfinden. Sie erfuhren nie die Geborgenheit eines Elternheims, die Liebe von Mutter, Vater und Verwandten. Sie durften nie mit ihresgleichen ausgelassen sein. Sie hatten keine Chance auf ein späteres harmonisches Leben, denn das, was ihnen angetan wurde, konnten sie kaum jemals verarbeiten.
Es gab in Kanada bis 1996 (!) das Bestreben, indianische Kultur und Identität nachhaltig zu vernichten. Deshalb wurden die Kinder der Indianer noch in ganz jungen Jahren ihren Eltern entrissen und in die christlich-katholischen sogenannten „Residential Schools“ gesteckt mit dem einzigen Ziel, ihre Erinnerungen an eine andere – ihre – Welt vollends auszulöschen. Dazu war jedes Mittel recht. Folter, Hunger und Missbrauch. Tausende überlebten diese Zeit nicht. Bis heute werden noch ihre verscharrten Leichen gefunden. Frauen wurden, wenn sie eine Abtreibung vornehmen wollten, gleich ihr gesamtes reproduktives System entfernt. Bis noch vor Jahren kam noch die Entfernung der Eierstöcke und Gebärmutter auf Anraten der Ärzte bei indigenen Frauen vor, oft kurz nach einer Geburt (Radiokolleg vom 18.1.2023). Um christliche Terminologie zu gebrauchen: Gott allein weiß, wie Menschen auf solche kranken Ideen kommen konnten und können.
Diese Verhaltensweise des kanadischen Staates kann man wohl Völkermord nennen.
Es ist eines der dunkelsten Kapitel Kanadas, den dieses Land aufzuarbeiten hat. Aber sie tun es wenigstens. Dass sie es ernst meinen, dokumentiert der Einsatz der Truth and Reconciliation Commission. Ich bin nicht sicher, ob auch die US-Amerikanischen Nachbarn in dieser Hinsicht aktiv sind. Vor allem mit der derzeitigen Regierung ist das Einsehen, dass auch die dortige Zivilisation auf einen Völkermord begründet ist, eher unwahrscheinlich.
Ein österreichischer Verein, der sich schon lange mit der Verbesserung der Rechtslage der Indianer Nordamerikas beschäftigt, ist der „Arbeitskreis Indianer Nordamerikas“ Obmann ist Peter Schwarzbauer, emeritierter Professor an der BOKU.
Neben der Verbesserung der Rechtslage arbeitet der Verein für die Anerkennung ihres Selbstbestimmungsrechts, betreibt internationales Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit und ist mit Menschenrechtsorganisationen in Europa vernetzt. Es lohnt sich, in seine Home Page reinzuschauen.
Bevor sich nun alle entrüsten über die Begebnisse, die hier beschrieben wurden: Die Nordamerikaner stehen mit ihrer Schuld nicht alleine da. Europa hat auch genug am Kerbholz. Völkermorde der Kolonialmächte in Afrika, Völkermord der Deutschen und Österreicher in Europa und vor allem: es ist noch nicht zu Ende. Antisemitismus und Rassismus haben bei uns in Europa nach wie vor Hochsaison. Und auch in Gaza ist man gerade sehr erfolgreich dabei, Hass und Mord weiterhin nicht aussterben zu lassen.
Aber trotz allem ist es unsere Aufgabe, die Hoffnung nicht aufzugeben und uns für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen. Nehmen wir uns an Kanada ein Beispiel.
Denn: Wir sind nicht zufällig auf dieser Welt, und der Horizont unserer Geschichte ist das Glück aller. (Jean Ziegler).












