75 Jahre ist es her, als die Staaten beschlossen, den
Kreislauf aus Gewalt und Hass zu durchbrechen. Die Genfer Flüchtlingskonvention
ist also um ein Jahr älter als ich, fast ein ganzes Menschenleben.
Meine kleine Welt
Ich hatte weder den Krieg erlebt noch eine Zeit ohne
Flüchtlingskonvention. Beides, sowohl Friede und Sicherheit als auch das
Vorhandensein von Flüchtlingen war für mich selbstverständlich. Ebenso
selbstverständlich war es, Flüchtlingen zu helfen, Respekt vor ihnen zu haben und
sie als unseresgleichen zu sehen. Denn sie legten Zeugnis davon ab, dass Friede
und Sicherheit auf meine kleine Welt beschränkt waren und sind. Klarerweise
dachte ich als Kind nicht weiter darüber nach. Erst viel später – als meine
Frau und ich Pflegeeltern eines afghanischen Jungen und Pateneltern eines
iranischen Mädchens geworden waren, wurde mir die ganze Tragweite der Situation
bewusst. Damals, als Kind, war es der Kommunismus, der bekämpft wurde und
Flüchtlinge kamen aus Ungarn, aus der Tschechoslowakei und aus der DDR. Heute
ist das anders. Heute sind wir es, die in Frieden und Wohlstand Lebenden, die
mit ihrer Lebensweise in anderen Teilen der Welt Leid schaffen. Man nennt es „imperiale
Lebensweise“. Hier einige Beispiele, was damit gemeint ist:
Unsere imperiale Lebensweise
Rohstoffe wie Aluminium, Seltene Erden, Lithium, Nickel,
Kobalt, Wolfram und vieles mehr wird importiert. Woher und unter welchen
Bedingungen diese Materialien gewonnen werden, interessiert uns wenig. Bei uns
wollen wir jedenfalls solche schmutzigen Bergwerke nicht haben.
Wir lassen zu, dass Ölkonzerne in der südlichen Hemisphäre
ganze Landstriche und Ozeane verseuchen oder Bauern von ihrem Land vertreiben.
Kriege aus Energiehunger? Oder Kriege, die mit dem aus
fossilen Brennstoffen gewonnenem Reichtum finanziert werden? Interessiert uns
nicht. Hauptsache, wir haben billige Energie.
Die Ozeane werden leergefischt zu Lasten der ansässigen
Fischer, die übrigens auch zu denen gehören, die am meisten von der Klimakrise
geschädigt sind und vielfach dabei sind, ihre Heimat zu verlieren. Hauptsache, Heilbutt
und Seeteufel munden uns und sind noch dazu preiswert.
Es gibt noch eine Unzahl weiterer Beispiele wie
Textilerzeugung, Abfallbeseitigung, Ernährung usw, aber würde ich da weiter
aufzählen, hätte dieser Beitrag eine unziemliche Länge.
Wie Außen, so Innen
Unser Madendasein im Speck hat allerdings eine unangenehme
Begleiterscheinung. Nämlich Flüchtlinge. Menschen, die aus Hunger, Krankheit
und Hoffnungslosigkeit zu uns fliehen, nennen wir Wirtschaftsflüchtlinge.
Menschen, die vor Krieg, Folter und Tod fliehen, lassen wir auf See ertrinken,
oder prügeln sie von unseren Außengrenzen weg. Wir verraten unsere europäischen
Werte, um die Auswirkungen unseres eigenen Lebensstils nicht sehen zu müssen.
Wir sind damit nicht glücklich. Frust, Neid, Unzufriedenheit
machen sich breit. Wir sind nicht zufrieden mit dem, was wir erwirtschaftet
haben. Gewaltbereitschaft nimmt zu. Viele fühlen sich zu rassistischen,
rechtsextremen Gruppen hingezogen die grauenhaft klingende Lösungen versprechen.
Lösungen, die den Kreislauf der Gewalt und des Hasses von vor 80 Jahren wieder
aufleben lassen. Lösungen, für die wir immer offener werden.
Warum ist das so? Wir gehören zu dem kleinen Prozentsatz der
Privilegierten auf diesem Planeten. Kann es sein, dass die Härte, die
Gefühllosigkeit und die Grausamkeit, die wir anderen zufügen in unsere eigenen
Köpfe und Herzen überschwappen? Kann es sein, dass wir so werden, wie wir
denken?
Hass ist immer zuerst in mir. Bevor ich anderen damit
schaden kann, schade ich mir selbst. Er vergiftet mein Leben, macht mich krank
und unglücklich.
Wir sollten aus diesem Teufelskreis ausbrechen. Wir sollten
uns klarmachen, dass es in diesen Zeiten viel gibt, das wir verteidigen müssen.
Unsere Lieben, unsere Würde, unsere Demokratien, unseren Wohlstand. Letzteren
müssen wir auf neue Beine stellen, indem wir Hass durch Güte, Neid durch
Großzügigkeit und Vollkaskomentalität durch Wehrhaftigkeit ersetzen.
Das geht aber nicht, wenn wir all das permanent über Bord
werfen. Wie im Außen, so im Innen. Gesellschaften, die lange genug die „Anderen“
unerbittlich verfolgt und ausgegrenzt haben, finden eines Tages nichts mehr
dabei, auch gegen die eigenen Mitbürgerinnen und Mitbürger mit gleicher
Brutalität vorzugehen. Gegen die Arbeitslosen, gegen die Mindestsicherungsbezieher:innen,
gegen die Juden und Jüdinnen, gegen, gegen, gegen. Sogenannte „Andere“ finden
sich immer. Das ist kläglich und unwürdig.
Da es meist Nationalisten und sogenannte Patrioten sind, die
sich so verhalten, seien ihnen die Worte von Bernie Sanders, des US-amerikanischen
Politikers aus dem linken Spektrum ins Stammbuch geschrieben:
„Eine große Nation wird nicht danach beurteilt, wie viele
Millionäre und Milliardäre sie hat oder wie hoch ihre Militärausgaben sind. Sie
wird nicht nach der Habgier ihrer Großkonzerne beurteilt. Sie wird danach
beurteilt, wie sie mit ihren schwächsten und bedürftigsten Bürgern umgeht. Eine
wahrhaft große Nation zeichnet sich durch Mitgefühl und Solidarität aus.“
