30 September 2026

Truth and Reconciliation Day in Kanada

 

Am 30. September wird in Kanada der „Truth and Reconciliation Day” (Tag der Wahrheit und Versöhnung) gefeiert. Das heißt, streng genommen gibt es an diesem Tag nichts zu feiern. Eher ist es ein Gedenktag an jene indianischen Kinder, denen ihre Kindheit, ihre Entwicklungspotentiale und alle ihre Möglichkeiten genommen wurden, Glück zu empfinden. Sie erfuhren nie die Geborgenheit eines Elternheims, die Liebe von Mutter, Vater und Verwandten. Sie durften nie mit ihresgleichen ausgelassen sein. Sie hatten keine Chance auf ein späteres harmonisches Leben, denn das, was ihnen angetan wurde, konnten sie kaum jemals verarbeiten.

Es gab in Kanada bis 1996 (!) das Bestreben, indianische Kultur und Identität nachhaltig zu vernichten. Deshalb wurden die Kinder der Indianer noch in ganz jungen Jahren ihren Eltern entrissen und in die christlich-katholischen sogenannten „Residential Schools“ gesteckt mit dem einzigen Ziel, ihre Erinnerungen an eine andere – ihre – Welt vollends auszulöschen. Dazu war jedes Mittel recht. Folter, Hunger und Missbrauch. Tausende überlebten diese Zeit nicht. Bis heute werden noch ihre verscharrten Leichen gefunden. Frauen wurden, wenn sie eine Abtreibung vornehmen wollten, gleich ihr gesamtes reproduktives System entfernt. Bis noch vor Jahren kam noch die Entfernung der Eierstöcke und Gebärmutter auf Anraten der Ärzte bei indigenen Frauen vor, oft kurz nach einer Geburt (Radiokolleg vom 18.1.2023). Um christliche Terminologie zu gebrauchen: Gott allein weiß, wie Menschen auf solche kranken Ideen kommen konnten und können.

Diese Verhaltensweise des kanadischen Staates kann man wohl Völkermord nennen.

Es ist eines der dunkelsten Kapitel Kanadas, den dieses Land aufzuarbeiten hat. Aber sie tun es wenigstens. Dass sie es ernst meinen, dokumentiert der Einsatz der Truth and Reconciliation Commission. Ich bin nicht sicher, ob auch die US-Amerikanischen Nachbarn in dieser Hinsicht aktiv sind. Vor allem mit der derzeitigen Regierung ist das Einsehen, dass auch die dortige Zivilisation auf einen Völkermord begründet ist, eher unwahrscheinlich.

Ein österreichischer Verein, der sich schon lange mit der Verbesserung der Rechtslage der Indianer Nordamerikas beschäftigt, ist der „Arbeitskreis Indianer Nordamerikas“ Obmann ist Peter Schwarzbauer, emeritierter Professor an der BOKU.

Neben der Verbesserung der Rechtslage arbeitet der Verein für die Anerkennung ihres Selbstbestimmungsrechts, betreibt internationales Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit und ist mit Menschenrechtsorganisationen in Europa vernetzt. Es lohnt sich, in seine Home Page reinzuschauen.

Bevor sich nun alle entrüsten über die Begebnisse, die hier beschrieben wurden: Die Nordamerikaner stehen mit ihrer Schuld nicht alleine da. Europa hat auch genug am Kerbholz. Völkermorde der Kolonialmächte in Afrika, Völkermord der Deutschen und Österreicher in Europa und vor allem: es ist noch nicht zu Ende. Antisemitismus und Rassismus haben bei uns in Europa nach wie vor Hochsaison. Und auch in Gaza ist man gerade sehr erfolgreich dabei, Hass und Mord weiterhin nicht aussterben zu lassen.  

Aber trotz allem ist es unsere Aufgabe, die Hoffnung nicht aufzugeben und uns für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen. Nehmen wir uns an Kanada ein Beispiel.

Denn: Wir sind nicht zufällig auf dieser Welt, und der Horizont unserer Geschichte ist das Glück aller. (Jean Ziegler).

27 September 2026

Ein Kalbsschnitzerl bitte

 

Wenn sie geboren werden, erblicken sie nicht das Licht der Welt.
Kein duftendes Gras, keine Blumen, keinen kühlenden Wind in der Sonne unter einem blauen Himmel.
Kein übermütiges Spiel im Bewusstsein von Sicherheit und Frieden.
Nur Eisenverschläge rundum, Gestank, Einsamkeit und Dunkelheit.
Angst kommt dazu, sobald sie in die Viehwagen gepresst werden.
Ohne Wasser, ohne Platz zum Ruhen, dicht gedrängt, um die Fahrt rentabel zu halten geht es zur Schlachtbank.
Manche sterben während der Fahrt. Eine Gnade.
Bei der Ankunft am Schlachthof ist bereits das Todesgebrüll der Verendenden zu hören.
Sie wissen nicht, warum ihnen das alles angetan wird.
Panische Angst. Verlassenheit, Verzweiflung, Tod.
Ihr kurzes Leben ist ein einziges, langes, qualvolles Sterben.

„Das Kalbsschnitzerl und ein Bier bitte“, sagt der Gast. „Sehr gerne“, antwortet höflich der Kellner. Die Tischtücher sind blitzsauber und blütenweiß. Die Strahlen der Sonne, die beim Fenster hereinscheint, brechen sich im spiegelblanken Besteck. Zufrieden sieht der Gast hinaus, während er einen kräftigen Schluck vom inzwischen servierten Bier nimmt. Er isst gerne hier. Die Portionen sind riesig und trotzdem spottbillig.

11 September 2026

75 Jahre Genfer Flüchtlingskonvention

75 Jahre ist es her, als die Staaten beschlossen, den Kreislauf aus Gewalt und Hass zu durchbrechen. Die Genfer Flüchtlingskonvention ist also um ein Jahr älter als ich, fast ein ganzes Menschenleben.

Meine kleine Welt

Ich hatte weder den Krieg erlebt noch eine Zeit ohne Flüchtlingskonvention. Beides, sowohl Friede und Sicherheit als auch das Vorhandensein von Flüchtlingen war für mich selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich war es, Flüchtlingen zu helfen, Respekt vor ihnen zu haben und sie als unseresgleichen zu sehen. Denn sie legten Zeugnis davon ab, dass Friede und Sicherheit auf meine kleine Welt beschränkt waren und sind. Klarerweise dachte ich als Kind nicht weiter darüber nach. Erst viel später – als meine Frau und ich Pflegeeltern eines afghanischen Jungen und Pateneltern eines iranischen Mädchens geworden waren, wurde mir die ganze Tragweite der Situation bewusst. Damals, als Kind, war es der Kommunismus, der bekämpft wurde und Flüchtlinge kamen aus Ungarn, aus der Tschechoslowakei und aus der DDR. Heute ist das anders. Heute sind wir es, die in Frieden und Wohlstand Lebenden, die mit ihrer Lebensweise in anderen Teilen der Welt Leid schaffen. Man nennt es „imperiale Lebensweise“. Hier einige Beispiele, was damit gemeint ist:

Unsere imperiale Lebensweise

Rohstoffe wie Aluminium, Seltene Erden, Lithium, Nickel, Kobalt, Wolfram und vieles mehr wird importiert. Woher und unter welchen Bedingungen diese Materialien gewonnen werden, interessiert uns wenig. Bei uns wollen wir jedenfalls solche schmutzigen Bergwerke nicht haben.

Wir lassen zu, dass Ölkonzerne in der südlichen Hemisphäre ganze Landstriche und Ozeane verseuchen oder Bauern von ihrem Land vertreiben.

Kriege aus Energiehunger? Oder Kriege, die mit dem aus fossilen Brennstoffen gewonnenem Reichtum finanziert werden? Interessiert uns nicht. Hauptsache, wir haben billige Energie.

Die Ozeane werden leergefischt zu Lasten der ansässigen Fischer, die übrigens auch zu denen gehören, die am meisten von der Klimakrise geschädigt sind und vielfach dabei sind, ihre Heimat zu verlieren. Hauptsache, Heilbutt und Seeteufel munden uns und sind noch dazu preiswert.

Es gibt noch eine Unzahl weiterer Beispiele wie Textilerzeugung, Abfallbeseitigung, Ernährung usw, aber würde ich da weiter aufzählen, hätte dieser Beitrag eine unziemliche Länge.

Wie Außen, so Innen

Unser Madendasein im Speck hat allerdings eine unangenehme Begleiterscheinung. Nämlich Flüchtlinge. Menschen, die aus Hunger, Krankheit und Hoffnungslosigkeit zu uns fliehen, nennen wir Wirtschaftsflüchtlinge. Menschen, die vor Krieg, Folter und Tod fliehen, lassen wir auf See ertrinken, oder prügeln sie von unseren Außengrenzen weg. Wir verraten unsere europäischen Werte, um die Auswirkungen unseres eigenen Lebensstils nicht sehen zu müssen.

Wir sind damit nicht glücklich. Frust, Neid, Unzufriedenheit machen sich breit. Wir sind nicht zufrieden mit dem, was wir erwirtschaftet haben. Gewaltbereitschaft nimmt zu. Viele fühlen sich zu rassistischen, rechtsextremen Gruppen hingezogen die grauenhaft klingende Lösungen versprechen. Lösungen, die den Kreislauf der Gewalt und des Hasses von vor 80 Jahren wieder aufleben lassen. Lösungen, für die wir immer offener werden.

Warum ist das so? Wir gehören zu dem kleinen Prozentsatz der Privilegierten auf diesem Planeten. Kann es sein, dass die Härte, die Gefühllosigkeit und die Grausamkeit, die wir anderen zufügen in unsere eigenen Köpfe und Herzen überschwappen? Kann es sein, dass wir so werden, wie wir denken?

Hass ist immer zuerst in mir. Bevor ich anderen damit schaden kann, schade ich mir selbst. Er vergiftet mein Leben, macht mich krank und unglücklich.

Wir sollten aus diesem Teufelskreis ausbrechen. Wir sollten uns klarmachen, dass es in diesen Zeiten viel gibt, das wir verteidigen müssen. Unsere Lieben, unsere Würde, unsere Demokratien, unseren Wohlstand. Letzteren müssen wir auf neue Beine stellen, indem wir Hass durch Güte, Neid durch Großzügigkeit und Vollkaskomentalität durch Wehrhaftigkeit ersetzen.

Das geht aber nicht, wenn wir all das permanent über Bord werfen. Wie im Außen, so im Innen. Gesellschaften, die lange genug die „Anderen“ unerbittlich verfolgt und ausgegrenzt haben, finden eines Tages nichts mehr dabei, auch gegen die eigenen Mitbürgerinnen und Mitbürger mit gleicher Brutalität vorzugehen. Gegen die Arbeitslosen, gegen die Mindestsicherungsbezieher:innen, gegen die Juden und Jüdinnen, gegen, gegen, gegen. Sogenannte „Andere“ finden sich immer. Das ist kläglich und unwürdig.

Da es meist Nationalisten und sogenannte Patrioten sind, die sich so verhalten, seien ihnen die Worte von Bernie Sanders, des US-amerikanischen Politikers aus dem linken Spektrum ins Stammbuch geschrieben:

„Eine große Nation wird nicht danach beurteilt, wie viele Millionäre und Milliardäre sie hat oder wie hoch ihre Militärausgaben sind. Sie wird nicht nach der Habgier ihrer Großkonzerne beurteilt. Sie wird danach beurteilt, wie sie mit ihren schwächsten und bedürftigsten Bürgern umgeht. Eine wahrhaft große Nation zeichnet sich durch Mitgefühl und Solidarität aus.“


Truth and Reconciliation Day in Kanada

  Am 30. September wird in Kanada der „Truth and Reconciliation Day” (Tag der Wahrheit und Versöhnung) gefeiert. Das heißt, streng genommen ...