02 August 2026

Die andere Wirklichkeit


Alte Leute werden krank und viele von ihnen sterben.
Es gibt Wiesen, die zur Staubwüste wurden, sodass die Kühe in die Ställe zurückmussten, weil sie kein Futter mehr fanden.
Wassermangel lässt die ersten Gemeinden Rationierungsmaßnahmen ergreifen.
Nachrichten von Ernteausfällen häufen sich.
Flutkatastrophen rauben Menschen ihre Existenz und kosten ihnen viel zu oft auch das Leben.
Brände in Südeuropa und Nordamerika nehmen apokalyptische Ausmaße an.
Teile der Welt sind ohne Klimatisierung nicht mehr bewohnbar.
In den Ozeanen und am Land begann längst das große Sterben.
Es mutet fast banal an, hier auch noch die ungeheuren finanziellen Schäden zu erwähnen, die dadurch entstehen.
Kollateralschäden der Klimaleugnung. Betrieben von rechtskonservativer Politik, von Ölkonzernen, von Industriekapitänen, von Verrückten und Verbrechern. Besonders schmerzt das Verhalten der Konservativen, wenn sie, stolz ihre Dummheit vor sich hertragend, von den Kosten schwadronieren, die Klimaschutz für die Wirtschaft verursachen soll. Besonders in einer Demokratie wie der unseren kommt noch der Umstand hinzu, dass diese Politik frei gewählt ist. Das Versagen einer Gesellschaft, die an Vollkaskomentalität, Konsumgeilheit und fehlender Empathie krankt.
Meine Empfindung angesichts dessen: Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit. Es scheint, als gäbe es eine neue Pandemie, die durch keine Impfungen, Lockdowns und Medikamente bekämpft werden kann. Sie könnte Ignoranz, Verdrängung oder auch schlicht Dummheit heißen.

Diese Gedanken ziehen mich runter. Sie helfen auch nicht. Sie ändern nichts. Ich gehe hinaus in den Garten.


Dort empfängt mich strahlende Farbenpracht.


Ich spüre, wie der Alb langsam schwächer wird.


Der Garten spiegelt uns. Unsere Wünsche und Träume, unser Wesen.


Ab hier beginnt die andere Wirklichkeit





Das Wasser ist belebt. Ebenso wie das Land. 








Das ist eine Hornisse. Sie okkupierte Teller und Gabel, um die Reste eines Kuchens zu verspeisen. Danach ließ sie sich noch in Ruhe fotografieren, bevor sie wieder ihrer Wege flog.

In dieser Welt sind wir die stärksten und mächtigsten Lebewesen. Als solche haben wir eine Verantwortung gegenüber dem Organismus, der sich Garten nennt. Einiges hier ist unsere Schöpfung. Viele Pflanzen und alle Tiere sind zugewandert. Aufgrund unserer toleranten Einstellung und unserer Ehrfurcht vor dem Leben gaben wir ihnen eine Heimat. Sie danken es uns in vielerlei Hinsicht.

Kirschpflaume, Vogelbeere, Zürgel und Zwetschke beschenken uns und zahlreiche Vögel mit ihren Früchten und sorgen mit ihrer Größe für ein erträglicheres Klima in Zeiten der Hitze.

Bunt blühende Blumen erfreuen uns mit ihrem Dasein und geben einer mannigfaltigen Insektenzahl Nahrung. Die Wohmöglichkeit besteht in Form von Totholz, wilden Ecken und Insektenhotels.


Die Brombeeren gedeihen heuer besonders gut.

Wir hatten schon reiche Ernte. Es bleibt aber immer etwas übrig für die mit uns Lebenden. Getreu dem Ratschlag der indianischen Wissenschaftlerin und Autorin Robin Wal Kimmerer in ihrem Buch „Geflochtenes Süßgras“. Darin findet sich eine Regel der indianischen Ureinwohner Nordamerikas, die ich hier auszugsweise wiedergebe:

Die Grundregeln der Ehrenhaften Ernte:
Nimm nie das Erste. Nimm nie das Letzte.
Nimm nur, was du brauchst.
Nimm nie mehr als die Hälfte. Lass etwas für die anderen übrig.
Ernte so, dass du möglichst wenig Schaden anrichtest.
Nutze es respektvoll. Verschwende nie, was du genommen hast.
Danke für das, was dir geschenkt wurde.
Hinterlasse ein Gegengeschenk für das, was du genommen hast.
Erhalte die, die dich erhalten, und die Erde wird für immer bleiben.


Das ist es, was wir als Einzelne leisten können. Wir nutzen unsere Möglichkeiten. Wir warten nicht auf andere, die größere Gärten haben als wir. Wir sagen nicht: „Was sollen wir mit unseren 400 Quadratmetern schon ausrichten, wenn die anderen jeden Tag mehrere Hektar Land versiegeln.“

Der Garten dankt es uns, indem er unsere Seelen heilt. Er kann das. Warum das so ist? Tja..wer weiß das schon? Es ist ja nicht nur unser Garten, wenngleich wir infolge unserer Gestaltungleistung eine besondere Beziehung zu ihm haben. Es ist generell die Natur. Vielleicht, weil wir mit ihr verbunden sind. Und weil daher alles, was wir tun, auf uns rückwirkt.



Demnächst werde ich wieder die Wirklichkeit der Zeitungen, der Social Media, des Konsums, der Fake News betreten. Ich nehme so viel ich kann mit von der Seelennahrung, die unsere Mitwelt für uns bereitstellt.



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